Die heimlichen Poeten

Es ist Mittwoch in Calmasul. Ein wenig regnet es. Gerade schlägt die Uhr am Kirchturm. Oh schon 15 Uhr? Dann lasst uns zu Monsieur Salim hineinschauen.
Salim hantiert eifrig in seinem kleinen Teeladen. Es krispelt und kraspelt. Fast wäre ihm die Teedose auf dem runden Tisch ausgekippt. Jetzt brüht er frischen Melissen-Tee auf. Bestimmt kannst du es riechen, diesen zitronigen Duft? Langsam steigt er dir in die Nase. Hmmm wie das duftet.

Gleich klingelt es und sein alter Freund, Sir Finley, wird erscheinen. Die beiden treffen sich jede Woche zur gleichen Zeit, um gemeinsam ihre neuesten Gedichte vorzutragen. Dabei schlürfen sie genüsslich Tee und knabbern Makronen.
Ah, da ist er schon. Hastig stellt Sir Finley seinen nassen Regenschirm in die Ecke, um schnurstracks durch den Teeladen ins Hinterzimmer zu eilen. Vor lauter Vorfreude stolpert er über eine Teelieferung, die Salim noch nicht in die Regale geräumt hat.


Die Freunde umarmen sich herzlich und machen es sich auf einem weichen Sofa bequem. Salim gießt ihnen ein Tässchen heißen Tee ein, während sein Freund einen zerknitterten Zettel aus der Jackentasche kramt. Er räuspert sich und beginnt:


Das rote Chamäleon

In der Sonne voller Wonne
räckelt sich Miss Chamäleon mit Hut.
Und sie denkt sich und verränkt sich
„Hach, wie geht’s mir gut!“

Stunden vergehen,
durch die Eieruhr rieselt der Sand.
Und Miss Chamäleon liegt noch immer am Strand.

Auf einer Welle, blitzesschnelle
im bunten Tingel Tangel – Gewand
springt ein Riese – Klaus der Miese
mit Getöse auf das Land.

Und er ruft: „Chamäleon, du Schöne,
hast doch längst ’nen Sonnenbrand!“

Salim lacht fröhlich und applaudiert laut. „Wunderbar, alter Freund!“, kichert er weiter, gießt ihm eine zweite Tasse Tee ein und greift nach einer Makrone. Sir Finlay lächelt zufrieden und nimmt einen Schluck Tee. „Nun du, Salim! Ich platze vor Neugier.“

Salim postiert sich vor dem Sofa, als wäre es eine große Theaterbühne. „Mein heutiges Gedicht heißt: Rosenblätter und Applaus, sagt er stolz und zupft noch sein Hemd zurecht. Dann beginnt er:

Ein Samenkorn noch jung und klein
Wollt gern’ne feurig Rose sein.
„Am Theater die Perücken
das wär mein Wunsch
die will ich schmücken!“
Ein Igelmann, er kam von weit
Pieckst auf das Korn mit seinem grauen Stachelkleid.
Auf seiner Reise unter Eichenbäumen
Fängt das Körnchen an zu träumen.
Von lampionbehängten Bühnen
Von Räubern, Zauberern und Hünen.
Und an der Chansonette Brust
Thront es als Rose voller Lust.
Ein lautes Echo voll Applaus
Hallt durch’s ganze Schauspielhaus.
Schnell wacht es auf
Sucht sich ein Fleckchen Erde
Damit sein Traum bald Wahrheit werde.

„Wirklich brilliant, mein Lieber!“ ruft Finlay begeistert und rutscht dabei von seinem Kissenberg. Klatschend jauchzt er vergnügt: „Du hast dich heute selbst übertroffen!“. Sie tauschen die Zettel und jeder liest in aller Stille nochmals und nochmals das Gedicht des anderen. Nur ab und an hört man sie in eine Makrone beißen.

Ein Tässchen Melissentee

Also wenn ihr mich fragt, ich schaue nächsten Mittwoch pünktlich 15 Uhr wieder in diesem kleinen Teeladen vorbei. Schließlich bin ich schon sehr gespannt auf die nächsten Gedichte der beiden alten Freunde… und jetzt koche ich mir auch ein Tässchen heißen Tee. Mit 2 Stück Zucker!

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